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Schienen-HPV WM Laupen 1998

29./30.8.1998
 
Text: Werner Hadorn, Bilder: © Marcel Studer, Zeitschrift Facts (vgl. auch FACTS Nr. 36, 2. September 1998)

 
Die Weltmeisterschaft für muskelgetriebene Schienenfahrzeuge in Laupen BE brachte einen

NEUEN WELTREKORD: 63.55 Kilometer die Stunde.


Die beiden Lichtschranken am stillgelegten Geleise künden ein ungewöhnliches Rennen an. Auf einem schnurgeraden Stück Schiene der Sensetalbahn zwischen Laupen und Gümmenen BE finden an diesem 30. August die "3. Weltmeisterschaften für muskelgetriebene Schienenfahrzeuge" statt. Richtig gelesen: Weltmeisterschaften. Es nehmen teil: 13 Zuschauer, 9 Piloten, 4 Fahrzeuge und ein paar Organisatoren.

Der Erfinder der sonderbaren Meisterschaft heisst Theo Schmidt. Der Physiker, Ozeanograf und Elektronik-Ingenieur gilt als Visionär im Bereich der Alternativantriebe für Behälter zum Transport menschlicher Individuen. Schmidt präsidiert den Internationalen Dachverband der "muscles only" Sippe, und der zählt immerhin 5000 Trampler aus zehn Mitgliedstaaten. 1994 organisierte er mit der Schweizer Sektion, dem Verein Futur Bike (500 Mitglieder), das erste Schienenrennen. Weil bislang niemand die Idee hatte, nannte er den Anlass kühn "Weltmeisterschaft".

Bei der Erstauflage 1994 sorgte eine Deutsche für den Weltrekord (57.37 Kilometer pro Stunde). Sie ist beim dritten Rennen nicht da, die Adresse war unauffindbar. Heuer versprechen die Organisatoren mindestens 60 Kilometer pro Stunde.

Favorit ist diesmal ein anderer Habitué der Alternativantrieb-Szene, Romeo Gridelli, Koch von Beruf. Er holte sich seine ersten Rekorde vor 5 Jahren mit einem Sparmobil (655 Kilometer mit einem Liter Sprit), baute Solarmobile und Highspeed-Pedalos und liebt "Sachen, die es noch nicht gibt"

Gridellis Boliden pilotiert Peter Bretscher, 56, sechsfacher Grossvater und Abwart im Migrosmarkt Stein am Rhein. Aus Altersgründen hat er den Gridelli Fahrerstall mit zwei Elite-Radamateuren verjüngt, Hansueli Rusenberger und Oliver Sigg. Ein verschworenes Team. "Wer die beste Zeit fährt, ist egal, Hauptsache, es ist das Team Gridelli", sagt Bretscher. Ihr Liegevelo mit Vollverschalung aus Pappelsperrholz und 8-Gang Getriebe haben sie VeloNarr getauft.

600 Meter nehmen die Gridelli-Fahrer Anlauf "Das haben wir genau berechnet", sagt Bretscher. "Bei der ersten Lichtschranke musst du die Höchstgeschwindigkeit haben; wenn du danach noch beschleunigst, beginnt er zu schlingern."

Das Schlingern ist das grösste Problem, mit dem die Konstrukteure der Schienenfahrzeuge zu kämpfen haben. Schienen sind entgegen landläufiger Meinung durchaus nicht parallel. Selbst die Präzisionsgeleise der SBB dürfen bis zu ein Zentimeter Spiel haben, und wenn ein Schienenbolide das Problem der "Seitenführung" nicht optimal löst, rast er in den Schotter.

Ein weiterer Haken ist der Rollwiderstand. "An sich ist eine Schiene eine ideale Fahrunterlage", erläutert Theo Schmidt. "Aber bei hohen Geschwindigkeiten kann die Stabilität zum Problem werden, dann kommt es darauf an, ob man Pneus oder Stahlräder nimmt." Vor vier Jahren versuchten es die Gridelli Boys mit Stahlrädern, wechselten 1997 auf Kunststoff, bis Bretscher die schnellsten Räder fand: Bremsscheiben.

Problem Nummer drei ist die Aerodynamik. Ein Schienenfahrzeug soll zwar möglichst leicht und windschlüpfig sein, darf bei höheren Geschwindigkeiten aber nicht abheben. Einen Windkanal für Tests haben die Velonarren allerdings nicht zur Verfügung. "Wir verschalen nach dem Prinzip Handgelenk mal Pi", erklärt Bretscher.

Eine erfolgreiche Methode: Bereits im ersten Lauf von dreien prescht der Railbike-Oldie mit 59.31 Sachen durch die Lichtschranken. Weltrekord! Am Ende des Rennens wird er noch fünfmal verbessert worden sein. 63.55 Kilometer pro Stunde heisst seit den Weltmeisterschaften der aktuelle Weltrekord für muskelbetriebene Schienenfahrzeuge.

Etwas langsamer ist Robert Stolz aus Zürich unterwegs. "Den habe ich in zehn Stunden gebaut", sagt er mit Blick auf sein Liegevelo Chaos II mit Ausleger, auf das er eine eiförmige weisse Schale befestigt hat. Auf die Nase hat er sich, dem Tour-de-France-Gewinner 1998 Marco Pantani gleich, eine Brille mit zwei ovalen Spiegelgläsern geklemmt. Die optimiert freilich bloss sein Outfit: Stolz sitzt so tief hinter seiner Eierschale, dass er gar nicht nach vorn sieht. Sein Beitrag zur Verbesserung der Aerodynamik heisst Ducken, "der Kopf stört nur!"

Den kühnen Titel "Weltmeisterschaft" legitimiert das einzige ausländische Fahrzeug, ein umgebautes, voll verschaltes holländisches Allewedder-Liegevelo auf einem Rahmen mit vier roten Rädern. Gebaut hat das 80 Kilo schwere Monstrum Peter Rodewald aus Neindorf in Medersachsen, auch er beruflich eher im Grossvehikelbau beschäftigt: Der Maschineningenieur baut landwirtschaftliche Maschinen. Rodewalds Rakete, in die er fünf Wochen investiert hat, macht einen Höllenlärm, ein Zeichen, dass die Räder verbesserungsfähig sind. "Es sind Felgen einer Strohballenmaschine, die habe ich im Firmenschrotthaufen gefunden und halbiert", erklärt er, "unser Schrotthaufen beeinflusst meine Konstruktionen wesentlich."

Die Idee, das Fahrrad schienentauglich zu machen, ist nicht neu. Als der amerikanische Goldschürfer William J. Gillum vor einem Vierteljahrhundert einmal neben einem Geleise Pause machte, kam ein Kollege daher, der seine Gerätschaften auf einem Handwagen auf den Schienen vor sich her schob. "Das brachte mich auf die Idee, ein Fahrrad auf Schienen zu bauen", erzählte er später einem Reporter, der seine Erfindung in einem populären Hobby-Magazin verbreitete. Gillum wollte sein Railbike patentieren lassen; aber beim Patentamt beschied man ihm, seine Erfindung sei bereits hundertjährig. Minen-, Telegrafen- und Schienenarbeiter hatten schon um 1880 Fahrräder schienentüchtig gemacht und sich ihre Vehikel patentieren lassen.

Der Zeitungsartikel machte das "Railbiking" in den USA trotzdem populär. 135000 Kilometer stillgelegter Geleise, in einschlägigen Führern detailliert beschrieben ("Machete mitnehmen! Unkraut!"), locken heute Tausende von Railbikern auf die Geleise.

Immerhin: Auf die Idee, eine Railbike WM durchzuführen, sind erst die Schweizer gekommen. Im nächsten Jahr soll der Anlass wieder stattfinden, doch zum populären Volkssport wie in den USA wird Radfahren auf Schienen in der Schweiz wohl nicht werden. Als Touristengag hat das Railbike in Schmidts Visionen eher eine Chance. Erich Scheidegger, Direktor der Sensetalbahn, gleichzeitig Präsident von Tourismus Amt Laupen und Railbike Fan, betreibt fünf Draisinen mit Pedalantrieb auf der WMStrecke. "Ein Grosserfolg", sagt er, "in einem Jahr habe ich die Dinger amortisiert!" Sonst lässt das Streckennetz zu wünschen übrig. "Die SBB bauen stillgelegte Geleise leider immer gleich ab. Unsere Zukunft ist apokalyptisch", sagt Schmidt.
 
Rangliste

Rang

Startnr.

Fahrer

Land

Team

1. Lauf

2. Lauf

3. Lauf

Maximum

1

4

Hansueli Russenberger

SWI

Gridelli

62.78

63.55

-

63.55

2

5

Oliver Sigg

SWI

Gridelli

60.10

58.95

-

60.10

3

3

Peter Bretscher

SWI

Gridelli

59.31

59.76

-

59.76

4

2

Robert Stolz

SWI

Chaos II

48.50

48.10

36.85

48.50

5

1

Peter Rodewald

GER

Krückenberg

42.95

40.88

42.34

42.95

6

7

Christian Wittwer

SWI

Chaos II

41.43

38.68

42.01

42.01

7

9

Bob Ing

GB

Krückenberg

40.98

40.23

40.88

40.98

8

8

Simon Schär

SWI

"Ästu"

36.92

38.90

35.85

38.90

9

6

Andreas Koch

SWI

"Ästu"

35.49

disq.

34.11

35.49




 
Team Gridelli


Man beachte die neuen, kleinen Stützräder (links).
Please remark the new small support wheels (left).
 
  
Peter Bretscher

 
  
Peter Bretscher und Konstrukteur Romeo Gridelli (rechts).

Peter Bretscher with builder/team leader Romeo Gridelli (right).
 
  
Team Stolz


Robert Stolz
 
  
Das Führungssystem

The guidance system
 
  
Team "Ästu"


Das (sehr leichte!) Fahrzeug von Andreas Koch und Simon Schär.

The (very light!) vehicle of Andreas Koch and Simon Schär.


 
  
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